Wild Card Character

Abbildungen:
BKV Potsdam
/ Manuel Kirsch
 

11 Positionen zur performativen Zeichnung
8. Juni 2019 bis 28. Juli 2019
„Wild Card Character” könnte man wortgetreu als „Platzhalterzeichen“ übersetzen. Im Sport dagegen ist die „Wild Card“ die Lizenz zur Turnierteilnahme, ohne dass formale Voraussetzungen gemacht werden. Ein „Character“ ist auch eine Erzählfigur. Eine Ausstellung, in der die Kunst Stellvertreterrollen spielt? Oder hängen an den Wänden variable Wesen?
Kurator:  Manuel Kirsch
Ausstellungsort:  Freundschaftsinsel
Eröffnung:  Donnerstag, 6. Juni 2019 , 19:00

„Wild Card Character“ vereint 11 künstlerische Positionen, die keine Werke in klassischem Sinne sind. Die ausgestellten Zeichnungen sind nicht im Studio entstanden, für den Versand verpackt und dann gehängt worden. An den Wänden hängen zur Eröffnung nur leere Blätter in normierter Größe. 11 Performances führen dann zu 11 Zeichnungen.

So soll nicht nur die Entstehung künstlerischer Werke in den Mittelpunkt rücken, sondern auch in Frage gestellt werden, mit welcher Selbstverständlichkeit der Kunstbetrieb Tag für Tag Objekte bewegt, ausstellt, ihrem Wert vertraut, seine Ökonomie an sie koppelt. Die Ausstellung sucht nach den  Momenten vor der Entstehung der Kunst, nach den Spuren der Produktion, nach Augenblicken am Rand des Geschehens – und stellt sie als öffentliches Gedankenspiel aus.

"Würde man den Kunstbetrieb von einer Erdumlaufbahn aus betrachten, sähe man einen gigantischen, unbegreiflichen Warenstrom.

Abertausende LKW, unzählbare Kartonagen, geschreinerte Kisten, Folien, Millionen Frachtpapiere, Versicherungsscheine, Hubwagen - und spezialisiertes Handhabungspersonal befördert Objekte von Wand zu Wand, in Freilager und Ausstellungshallen, als sei die Virtualität noch nicht erfunden. Man könnte meinen, die Welt hinge davon ab, rechtzeitig Verpackungen zu öffnen und Bilder auf Nägel zu hängen oder Gegenstände auszurichten. Ist eine Wand leer, muss sie behängt werden. Künstler, Galerien, Museen, Speditionen jagen Artefakte durch den Raum. Es ist ein Rätsel.

Das Rätsel wird noch größer, wenn man sich vorstellt, dass jedes Werk immer kürzer betrachtet wird. Die Museen kämpfen furios um jede Minute der schrumpfenden Aufmerksamkeit, während Sammler immer öfter Kunst online kaufen, die sie erst viel später physisch sehen werden. Es ist ein Rausch des Überschusses. Hängt das Werk an der Wand, steht es auf dem Parkett, kann es fast schon wieder vergessen werden. Nur die Bildspeicher werden sich noch erinnern, wenn das Objekt auf seiner nächsten Reise ist.

Die Kunst mag sich also noch so anstrengen, das Konzept über seine Materialisierung zu stellen oder der Idee den Vorrang vor einem verkäuflichen Werk einzuräumen. Sie ist machtlos dagegen, dass aus Aktionen Bilder werden und aus dem störrischsten Objekt ein Instagram. Das Werk an der Wand und das Bild in den sozialen Medien sind zwei Seiten einer Medaille: Das Denken verliert sich gegenüber dem Moment der Materialisierung. Ideen haben erst Wert, wenn sie zu Artefakten geronnen sind.

"Wild Card Character" sucht deshalb nach den Zwischenräumen. Uns interessieren der Radierabrieb beim Zeichnen und die Luftverdrängung, die ein Pinselstrich erzeugt. Wir suchen nach der Herzfrequensteigerung nach einem Ausfallschritt im Atelier. Es geht uns darum, was an der Schwelle zum Werk, auf dem Weg zum Ausstellungsort, als Nebeneffekt performativer Anstrengungen entsteht. Was ist es, was sich nicht bannen lässt. Wie lässt sich ein Ausstellungsraum füllen, ohne den Überschuss des Objektexzesses weiter zu steigern? Wie steigert sich unterschwellig die Präsenz  an den Wänden? Wie wird Performance zur nachvollziehbaren Spur eines Gedankens?"


Wir bieten 11 Künstlerinnen und Künstlern genau 84,1 x 118,9 cm leere Wand- oder Bodenfläche an. Die Kunstproduktion wird zur performativen Praxis am Ort. Wie füllen die Künstlerinnen und Künstler die Vakanz? Wie entsteht die Ausstellung? Auf dem Weg? Vor Ort? Als Plein Air auf der Insel? Als Bericht aus der Produktion?


Donnerstag, 06.06.2019, Eröffnung
Markus Binner
Patrycja German
 


Sonntag, 16.06.2019
3 Performances

Darius am Wasser
A Game I Play With, By & On Myself
A Game I Play With, By & On Myself ist eine endlose Schleife des Atems als Gesang, der sowohl beim ausatmen als auch einatmen entsteht. Eine lebensnotwendige Funktion verbindet sich mit einem musikalischen Ausdruck.

Justyna Kalbarczyk und Tobias König
encouraged reality
Die Wirklichkeit wird ermutigt und Topf-Pflanzen werden bewegt. Im Garten der Freundschaftsinsel um den Brandenburgischen Kunstverein verbinden sich provisorische Hybride aus Pflanzen und ferngesteuerten Autos zum surreal konkreten Happening. Die Choreografie wird von den PerformerInnen gelenkt.

Christoph Rothmeier
A0 in Moll
Die Festlegung des Seitenverhältnisses 1:√2, welches seit 1922 als standardisierter Wert für Papierformate galt, ist womöglich ein weiteres, mehr oder weniger trauriges Ereignis im Verlauf der Normierung der Welt der Dinge. Christoph Rothmeier stellt einen Versuchsaufbau zusammen, der das melancholische Potenzial des A0 Formats auf seine musikalische Nutzbarkeit hin testen soll.
 


Sonntag, 30.06.2019
Anna Gohmert
Soline Krug
Jonathan Monk
Fette Sans
 


Sonntag, 14.07. 2019
Felix Leon Westner
Markus Zimmermann
 


Sonntag, 21.07.2019 18:00 Uhr - Vortrag
Eva Sturm
Weiße Karte und Suche. Unsinn / Sinn