Michael Anthony Müller: Radiowaves

Alle Abbildungen
© Studio Michael Müller, Berlin

Malerei
22. Mai 2026 bis 16. August 2026
Von Mai an wird die Freundschaftsinsel vorübergehend zu einem weiteren Standort in der historisch gewachsenen Potsdamer Forschungslandschaft. Im Ausstellungspavillon des BKV will Michael Anthony Müller mit den Mitteln der Malerei Radiowellen sichtbar machen. Gut fünfzehn Kilometer vom einstigen Observatorium für Solare Radioastronomie entfernt, bilden sich auf großformatigen, abstrakten Leinwänden Signalverläufe ab.
Kurator:  Gerrit Gohlke
Ausstellungsort:  Freundschaftsinsel
Eröffnung:  Donnerstag, 21. Mai 2026 , 18

Aber wer in dieser Ausstellung ist der Empfänger? Woher stammt das unsichtbare Signal? Spielt der Maler die Rolle des Oszilloskops und bildet ab, wie die Welle schwingt? Und welche Bedeutung hat, dass Radiowellen ihrer Definition nach keinen Adressaten haben, sondern ungerichtet sind, wir alle sie also empfangen könnten, wenn uns ein Empfangsmedium gegeben ist? Die Radiowelle, natürlichen Ursprungs oder technisch gesendet, ist demokratisch. Steht deshalb ein umgebauter Radioempfänger im Raum, der als Endlosschleife ein Hörstück mit dem Titel „Ich-Oper“ spielt – weil wir zwar alle Radio hören oder Wellensignale der Milchstraße wahrnehmen können, niemand von uns aber zu Michael Anthony Müllers Visualisierungen imstande wäre? Wir kennen die Sendung in dieser Ausstellung nur in seiner Übersetzung.

Radiowaves sind in diesem Projekt also Hörensagen. Anders gesagt: Die Malerei tritt auf als Botschaft zweiter Hand. Es geht uns wie Laien, die astrophysikalische Visualisierungen sehen. Wir können Darstellungen der Milchstraße wie Landschaftsbilder bewundern, geben uns aber einer Täuschung hin. Denn die Radioteleskope, mit denen sich Sterne vermessen lassen, übermitteln abstrakte Strukturinformationen. Die Schönheit der Balkenspiralgalaxie ist Mathematik, der Kern jede ihrer Abbildungen nichts als eine Datenreihe. Wir vergucken uns in ein Modell, über dessen Plausibilität wir nur mutmaßen können.

Ist die ungemütliche Botschaft also, dass die Malereibetrachtung etwa so funktioniert wie Astrophysik im Wissenschaftsfernsehen? Wir verstehen halb und freuen uns, weil es mehr scheint als nichts? Es sei denn, wir hätten das betrachtete Werk selbst gemalt?

So einfach ist die Lage nicht. Michael Anthony Müller zeigt sich in Radiowaves ja als durchaus funktionaler Empfänger. Zu jedem Werk offenbart er seine Quelle. Die Titel enthalten die Frequenz, Sendezeit und Umstände verschiedener Musikstücke, die der Künstler hörte und die nun als Ergebnis von Zeit und Spannung auf den Leinwänden Form annehmen. Wir betrachten gewissermaßen eine Reihenschaltung. Musik durch Radio durch Künstlerohr informiert nach kognitiver Signalverstärkung die malende Hand. Der Künstler als Relais. Das Ergebnis der Schaltung wird uns in tadelloser Transparenz zugänglich gemacht. Wir betreten mit der Ausstellung ein lebensgroßes Modell.

Damit sind wir der Astrophysik also wirklich nahe, ganz ohne uns auf höhere Mathematik einlassen zu müssen. Wie gegenüber jedem Gemälde bleibt uns der Übersetzungsprozess der zur gemalten Oberfläche führt, verborgen. Wir fangen Signale auf, die vor Jahren entstanden sind, ein Klang aus einem Autoradio bei der Alpenquerung oder der Hintergrundsound eines Augenblicks im Studio, und sich ganz zuletzt als zuckend oszillierende Gesten auf den Leinwänden niedergeschlagen haben. Es bleibt dem Publikum überlassen, sich die vor Jahren versendeten Signale wieder hörbar zu machen. Da war doch was? Während der Kunstbetrieb und die Kommunikation in ihm immer schneller und impulshafter werden, verlangt der Betrieb eines Observatoriums andere Zeitvorstellungen und konzentrierte Geduld im Umgang mit dem leicht zu überhörenden Signal.